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„Es ist alles in meinem Kopf und immer in meinem Herzen“ – James Nachtwey im Interview

Dresden, 10.02.2012, PIZ TerrWV / Pressestelle MHM.
Er ist einer der bekanntesten Kriegsfotografen unserer Zeit. Seit über drei Jahrzehnten ist der US-Amerikaner James Nachtwey an den Krisenherden der Welt unterwegs. Seine Bilder zeigen nicht nur Gewalt und Schrecken, sondern auch Armut und Hunger als Folge des Krieges. Anlässlich der Verleihung des Internationalen Friedenspreises und einer Sonderausstellung im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr traf die Onlineredaktion der TerrWV den 63-jährigen Fotografen am 10. Februar in Dresden zum Interview.

Männliche Person steht vor weißer Wand mit Collage im Hintergrund
Bilder gegen das Vergessen - James Nachtwey, Kriegsfotograf (Quelle: Bundeswehr/Jenny Bartsch)Größere Abbildung anzeigen

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Morgen werden Sie den Internationalen Friedenspreis für Ihre Arbeit erhalten. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Der Internationale Friedenspreis ist für mich die Anerkennung und Bestätigung meiner Arbeit und meiner gesamten Karriere. Eine große Ehre und Freude.

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Warum haben Sie sich gerade für diese Art von Fotografie entschieden?

Fotografien in der freien Presse sind ein entscheidendes, ausschlaggebendes Element im Prozess der Veränderung. Veränderung kann nicht passieren ohne Offenheit oder ohne Wachsamkeit. Wachsamkeit erzeugt eine Art von Massenbewusstsein. Und aus diesem Bewusstsein wächst ein kollektives Gewissen. Wenn das passiert, ist Veränderung möglich. Veränderung ist nötig. Das ist der Gedanke, der mich motiviert hat, Fotograf zu werden. Und der Gedanke, warum ich damit weitermache. Ich fühle mich dem Gedanken verantwortlich.

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Glauben Sie, dass Sie die Meinung der Menschen durch Ihre Fotografien verändert haben?

Ich persönlich will meinen Bildern nicht zu viel Bedeutung zumessen, aber ich glaube, Fotos in der Presse schaffen Bewusstsein und verändern. Daran haben meine Arbeiten und ich einen kleinen Beitrag, ja. Es gibt viele Beispiele. Ich bin mit der Zeit des Vietnamkrieges groß geworden. Die Bilder aus diesem Krieg hatten eine tiefe Wirkung, einen großen Effekt auf die öffentliche Meinung. Wie beispielsweise auch im Irak-Krieg. Fotos hatten einen direkten Einfluss auf die öffentliche Meinung. Am Anfang war die breite Meinung innerhalb der amerikanischen Bevölkerung positiv dem Einmarsch gegenüber. Einige Zeit später kippte das Bild, es wurde negativ.

Ein anderes Beispiel für den Einfluss von Fotos ist Katastrophenhilfe wie beim Erdbeben in Haiti. Veröffentlichte Pressefotos mobilisierten ein großes Spendenaufkommen und Hilfe wurde schnell geschickt, sodass Fotos Leben retteten.Was den Unterschied macht, ist der freie Fluss von Informationen, wie auch in Ägypten letztes Jahr. Fotografien sind dabei ein wichtiger Bestandteil. Dies verändert die Einstellung von Menschen. Also ein klares Ja, Fotos und Informationen tragen zur Veränderung bei.

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Wie gehen Sie mit den Eindrücken um, denen Sie ausgesetzt waren?

Was mich über alle physischen wie emotionalen Hürden trägt, ist der Geist der Bestimmung. Ich glaube felsenfest an das, was ich tue. Ich bin überzeugt davon, dass es einen öffentlichen Wert hat und diese Überzeugung hilft mir, alle Arten von Schwierigkeiten zu meistern. Die körperlichen Schwierigkeiten sprechen für sich selbst, das Bestehen und Überleben in Kriegsgebieten kennen Sie als Bundeswehrangehörige ebenso. Auch nach meinen Verwundungen im Irak habe ich nie daran gedacht, aufzuhören.

Die psychischen Schwierigkeiten sind wenigstens genauso gewaltig und respekteinflößend. Es ist emotional sehr belastend, Zeuge zu sein, wenn jemand leidet, sich nicht leiten zu lassen, sondern sich auf den Punkt zu konzentrieren, wann man den Auslöser drückt. Und es wird niemals leichter, auch nicht über die Jahre, im Gegenteil, es wird immer schwerer, ich werde immer sensibler. Aber ich bin überzeugt, dass es einen Grund gibt, dass es eine Bedeutung hat, mich dem nicht hinzugeben und ich so helfen kann, Dinge zu verändern. Das ist, was mich antreibt. Aber ich vergesse nichts, keine Situation. Es ist alles in meinem Kopf und immer in meinem Herzen.

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Haben Sie jemals an Flucht gedacht, weil Sie mit einer Situation nicht umgehen konnten?

Nein. Das habe ich niemals in Betracht gezogen. Das ist keine Option. Aufgeben löst niemals irgendwelche Probleme. Es muss getan werden, was zu tun ist.

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Welcher Ort hat Sie besonders schockiert und was haben Sie dort erlebt?

Es ist schwer, eine Reihenfolge zu bilden von Situationen, in denen Menschen leiden. Das ist eine sehr schwere Frage. Für mich persönlich war der Genozid in Ruanda extrem schockierend, vor allem die Suche nach der Antwort auf die Frage, wie so etwas überhaupt geschehen konnte. Wie 800.000 Menschen regelrecht abgeschlachtet werden konnten von ihren eigenen Landsleuten, mit Macheten, mit Sicheln, innerhalb von 100 Tagen. Auch wenn wir wissen, dass es passierte, und ich dabei war, es bleibt nicht vorstellbar. Ruanda war vermutlich die schockierendste Situation, mit der ich je konfrontiert war.

Aber auch der Angriff auf das World Trade Center in New York war ein unglaubliches Phänomen. Ich meine, ich stand direkt in der Nähe, als der Südturm einstürzte. Ich weiß, was passierte, aber es ist schwer zu glauben, dass das passieren konnte, auch das war schockierend.

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Wenn Sie kein Fotograf geworden wären, was hätten Sie stattdessen gemacht?

Ich habe keine Ahnung. Fotografieren ist das einzige, was ich je wirklich gemacht habe. Und es ist das einzige, was ich kann.


Das Interview führte Hauptmann Sebastian Bangert, Presseoffizier des Militärhistorischen Instituts der Bundeswehr.

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Stand vom: 20.08.12 | Autor: 


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