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Afghanistan, Usbekistan, Kosovo – Auslandseinsatz für Anita G.

„Mein olivgrüner Verpflegungscontainer“, sagt Anita G., wenn man sie fragt, was ihr spontan zuerst zu ihren Auslandseinsätzen in den Sinn kommt, „der Besuch im Kinderkrankenhaus in Kabul, das Frauengefängnis – es sind so viele Bilder, die hochkommen, dass ich gar nicht weiß, was ich zuerst sagen soll.“ Einige Bilder stehen als gerahmte Fotos auf ihrem Schreibtisch, aber diese Erinnerungshilfe braucht sie nicht, um lebendig von ihren fünf Auslandseinsätzen zu erzählen. Anita G. ist Beamtin der Wehrverwaltung und arbeitet im Wehrbereich Süd als Förderungsberaterin. Sie berät Zeitsoldaten über berufliche Perspektiven für die Zeit nach der Bundeswehr und Fördermaßnahmen auf dem Weg zum angestrebten Beruf.

Frau in Uniform sitzt auf Transportkisten im Außenbereich des Lagers
Anita G. im Lager in Afghanistan (Quelle: Bundeswehr/Ute Reiner)Größere Abbildung anzeigen

Im Dezember 2002 ging sie als eine der ersten Beamtinnen im Soldatenstatus nach Afghanistan. Auf die Frage, was sie bewogen habe, sich freiwillig für den Einsatz zu melden, sagt sie nachdenklich: „Es war eine Mischung verschiedener Gründe, zunächst privater Natur. Ich hatte mehrere Berichte und Bücher über Afghanistan gelesen, auch über die Zeit der russischen Besatzung, und war sehr interessiert an der fremdartigen Kultur und Lebensweise. Außerdem war ich vom Sinn und der Notwendigkeit dieses Einsatzes überzeugt. Und ich sagte mir: die Wehrverwaltung muss ihren Teil dazu beitragen, man braucht uns dort.“ Anita G., die fließend Englisch spricht, wurde Verpflegungsoffizier im Camp Warehouse. Ihre erste Amtshandlung dort: sich in die Vorschriften einarbeiten. „Das kanadische Hygienekonzept war sehr interessant“, erinnert sie sich.

Verpflegungsoffizier im Camp Warehouse

Die Bundeswehr betrieb zu Beginn des ISAF-Einsatzes drei Küchen für alle Nationen. Als Verpflegungsoffizier war sie mitverantwortlich dafür, täglich rund 3000 Essensteilnehmer aus verschiedenen Nationen zu versorgen. Mit sieben Afghanen, vier Soldaten der Verpflegungsgruppe und einem Küchenbuchhalter sorgte sie für ausreichend gefüllte Lebensmittellager und deren ständige Überprüfung. Auch die Außenposten der Afghanischen Nationalarmee wurden von dort versorgt. Einkaufen für diese Außenposten war dabei eine ihrer Aufgaben. „Mit den Beschaffern zusammen waren wir oft auf dem Markt – ohne größere Schutzmaßnahmen, das geht heute gar nicht mehr“, sagt sie. Rückblickend waren ihre Bewegungsfreiheit und die Kontakte zur einheimischen Bevölkerung bei diesem ersten Einsatz am größten.

Obwohl ich eine Frau bin und man mir vorher sagte, Frauen würden oft in Gesprächen keines Blickes gewürdigt, hatte ich nie Probleme“, erinnert sich Anita G. „Man merkt natürlich einen Unterschied zwischen der gebildeten Schicht und dem einfachen Volk. Die Offiziere der afghanischen Armee waren mir gegenüber offen und freundlich. Bei einigen der afghanischen Arbeiter war das anders, da gab es manchmal unfreundliche Blicke, aber mehr nicht.“

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Schwarze Eisentöpfe in einer Reihe
Backen in Afghanistan (Quelle: Bundeswehr/Ute Reiner)Größere Abbildung anzeigen

Frisches Brot aus Kabuler Bäckereien

Vier Bäcker in Kabul buken damals noch nachts frisches Brot für die Bundeswehr. Eine ihrer ersten Aufgaben war es, zusammen mit einem Hygieniker diese Bäcker zu überprüfen. „Natürlich kann man von afghanischen Bäckern keine deutschen Hygienestandards erwarten“, sagt Anita G. Mit Blick auf die Klagen über die angebliche deutsche Regelungswut im Einsatz fügt sie hinzu: „Die Gesundheit der Soldaten ist aber so wichtig, dass man hier keine Nachsicht zulassen kann“. Sie zogen also nicht nur Proben des Wassers, das zum Backen verwendet wurde, sondern auch von den Handinnenflächen der Bäcker. Die Proben wurden nach Deutschland geschickt. Das Ergebnis kam per Befehl: nichts mehr von diesen Bäckern kaufen, hieß es dort knapp. Anita G. machte sich mit ihrem Kollegen auf den Weg, um die Hiobsbotschaft zu überbringen. „Das war ja 2002, also vor den Anschlägen. Wir fuhren zu zweit, nachts, ohne Konvoi, und hielten an Kabuls einziger Ampel. Mir ging durch den Kopf, was dies für die Bäcker - allesamt Männer - und ihre Familien wohl bedeuten würde.“ Die Nachricht kam nicht gut an, aber alles blieb friedlich.

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Unterwegs in Kabul

Ihr damaliger Kommandeur nahm sie auch häufig zu Treffen mit verschiedenen afghanischen Gruppen mit. „Er wollte zeigen, dass es Gleichberechtigung der Frau nicht nur auf dem Papier gibt“, sagt Anita G. So kam es auch, dass sie am 8. März, beim internationalen Tag der Frau, in Kabul bei einem Treffen afghanischer Autorinnen, Soldatinnen und Polizistinnen dabei war – allesamt unverschleiert und hoch motiviert, ihrem Land zu nützen. Anita G.: „Ich war tief beeindruckt von der Kraft dieser Frauen und ihrem Willen, ihre Ideale trotz großer Widerstände umzusetzen.“

Soldatin in Flecktarn umringt von Männern, Frauen und Kindern in zivil
Die Beamtin zu Besuch im Waisenhaus (Quelle: Bundeswehr/Ute Reiner)Größere Abbildung anzeigen

Mit CIMIC hatte sie auch die Gelegenheit, ins Kabuler Frauengefängnis zu kommen. „Das waren Räume mit blankem Betonboden und vielen Frauen darin, zum Teil mit Kindern. Darunter war eine 14-jährige, die sich weigerte, einen 65-jährigen zu heiraten“, erinnert sie sich. „Und einmal haben wir im Indira Gandhi Kinderkrankenhaus Schokoriegel verteilt. Da waren viele Kinder mit Leishmaniose. Ein Junge lief mit Flipflops durch den Schnee. Da habe ich meinen Bruder angerufen. Er hat zuhause mit der Reservistenkameradschaft gesammelt, Kleider und Teddybären gekauft und mit der Feldpost hergeschickt. CIMIC hatte die Kontakte und so haben wir die Sachen hier verteilt.“

Auch als Verpflegungsoffizier kam sie an einen außergewöhnlichen Ort: den Kabuler Zoo. „Wir hatten Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum und überlegten: was damit tun? Wenn wir sie der afghanischen Entsorgungsfirma gegeben hätten, wären sie drei Tage später irgendwie irgendwo auf dem Markt aufgetaucht. Also haben wir mit dem Direktor des Kabuler Zoos gesprochen, ob er Interesse hätte – er hatte, und so sind wir in den Zoo gekommen.“

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Voll verschleierte Frauen auf einer staubigen Straße
Das Frauenbild auf den Straßen Afghanistans (Quelle: Bundeswehr/Ute Reiner)Größere Abbildung anzeigen

„Ich bin bescheidener geworden“

Was sie aus dem ersten Einsatz mitgenommen hat? „Viele Eindrücke“, sagt Anita G. „Das Elend vieler Menschen in Afghanistan, gerade der Kinder und der Frauen, ist für uns unvorstellbar. Man wird sehr viel bescheidener. Als ich wieder in Deutschland war, wollte ich in der Stadt einkaufen gehen. Mir ist plötzlich aufgefallen, dass die Menschen bei uns taschenweise Zeug aus den Läden tragen, das sie gar nicht unbedingt brauchen – und wovon sie wahrscheinlich die Hälfte wegwerfen. Da habe ich mich umgedreht und bin wieder heim gefahren, ohne etwas zu kaufen.“ Schön sei aber gewesen, endlich wieder mehr Privatsphäre zu haben.

Die Eingewöhnung in den Dienst daheim fiel ihr teils leicht „dank der Kollegen im Team“, teils schwer „wegen der dummen Sprüche einiger Anderer wie etwa: na, schönen Urlaub gehabt“ – eine Erfahrung, die andere Auslandsrückkehrer teilen, sagt sie. „Hier bin ich sehr selbständiges Arbeiten gewohnt und mit diesem Selbstverständnis bin ich auch meine Aufgaben im Auslandseinsatz angegangen – das kam nicht bei jedem Vorgesetzten gut an“, fügt sie hinzu.

Auf das Klischee von der bürokratischen Verwaltung angesprochen sagt sie nachdenklich: „Bürokraten gibt es sowohl bei uns in der Verwaltung als auch in der Truppe, das ist kein Alleinstellungsmerkmal für die Wehrverwaltung. Leider gibt es Kollegen, die meinen, im Einsatz ihren Dienstgrad herauskehren zu müssen – schade. Mir kam es eher darauf an, alle als Kameraden zu sehen und entsprechend zu behandeln, und das ging der Mehrzahl der Kollegen im Einsatz genauso.

Schmunzelnd fügt sie hinzu: „Apropos Kameraden - die Vorbereitung in Hammelburg ist super. In den vier Wochen habe ich sehr viel gelernt, zum Beispiel die P 8 blind zu zerlegen und wieder zusammenbauen – das hat einige Kameraden im Einsatz sehr überrascht.“

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Bepackte Kamele und Personen in einfacher Kleidung
Karawane auf dem Weg zum Markt (Quelle: Bundeswehr/Ute Reiner)Größere Abbildung anzeigen

Zweiter Einsatz in Afghanistan

Im November 2003 ging Anita G. wieder in den Einsatz nach Afghanistan, wieder als Verpflegungsoffizier. „Diesmal ging es auch darum zu gucken, was aus allem geworden ist“, berichtet sie. Im ersten Einsatz arbeitete sie zu Beginn noch in einem Container, und die Toiletten waren blaue Dixis. „In dieser Zeit wurde ein Gebäude errichtet, das ich noch mit eingeweiht hatte, und ich wollte mal sehen, wie mein Nachfolger es eingerichtet hatte“, erläutert sie mit einem Augenzwinkern. Sie fand Vieles verändert vor: „Die Stimmung war deutlich angespannter, wenn man wusste, dass man das Lager verlässt.“ Die Einsatzregeln hatten sich geändert: keine Fahrten mehr in ungepanzerten Fahrzeugen und nur noch im Konvoi.

Doch auch in diesem Einsatz war Anita G. viel außerhalb der Lagergrenzen unterwegs. Zum Beispiel um Lebensmittel für die Außenposten der afghanischen Armee einzukaufen. In der Lebensmittelbeschaffung und -verwaltung war sie diesmal schon so routiniert, dass ihr Wissen auch beim Aufbau des Lagers in Kunduz gefragt war.

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Dritter Einsatz in Usbekistan, vierte Einsatz im Kosovo

Ihren dritten Einsatz in Termez „verdankt“ sie ihrer Bereitschaft, kurzfristig für einen ausgefallenen Kollegen einzuspringen. Diesmal war Anita G. als allgemeiner Verwaltungsoffizier eingesetzt. „Ein ganz anderes Aufgabengebiet“, sagt sie, „aber auch da habe ich mich schnell eingearbeitet und zurecht gefunden.“ Verpflegungsoffizier lag ihr allerdings besser. Tatsächlich so gut, dass sie auch von einer anderen Dienststelle im Inland zwei Mal ausgeliehen wurde, um Verpflegungsverträge für Übungen in Kanada abzuschließen. Ihren vierten Einsatz ab Juli 2005 bestritt sie dann auch wieder als Verpflegungsoffizier, diesmal im Kosovo. „Bei den meisten ist das ja anders herum: zuerst Kosovo, dann Afghanistan“, sagt Anita G.

Im Kosovo war Vieles ganz anders als sie es aus den ISAF-Einsätzen kannte. „Afghanistan und Kosovo – das sind Welten. Dort musste der Chef des Stabes genehmigen, wenn man das Lager verlassen wollte, was sowieso nur dienstlich möglich war. Im Kosovo reichte ein Eintrag in die Liste in der Villa Kunterbunt (wie die Einsatzwehrverwaltungsstelle dort auch genannt wird), um das Lager verlassen zu können.“

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Fünfter Einsatz: Umweltoffizier im Kosovo

Anita G.s fünfter Einsatz brachte dann noch einmal eine Herausforderung anderer Art. Sie war als Umweltoffizier eingeplant. „Als Berufsförderungsberaterin hat man nicht unbedingt Ahnung von Gefahrgutklassen“, sagt sie. „Ich habe deshalb erst einmal einen Fernlehrgang zur Fachkraft für Arbeitssicherheit und Gefahrgutbeauftragte gemacht, zu dem eigentlich nur Meister und Ingenieure zugelassen werden – auf eigene Kosten.“ Nur so fühlte sie sich auf die neue Aufgabe angemessen vorbereitet.

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„Ich würde wieder in den Einsatz gehen“

Nach ihrem Fazit nach fünf Auslandseinsätzen gefragt, sagt Anita G.: „Die Bescheidenheit und Dankbarkeit für das, was man hat, ist noch ausgeprägter geworden. Ich lebe mein Leben viel bewusster als vorher. Sehr schön war die Kameradschaft und der Zusammenhalt im Einsatz. Ich bin aber auch sehr dankbar für mein tolles Team hier.“ Kritisch sieht sie die Aussagen einiger Vorgesetzter, dass die Bereitschaft zu Auslandseinsätzen karrierefördernd sein soll. „Das kann ich nicht bestätigen“, sagt sie knapp. Dennoch: wenn die Rahmenbedingungen stimmen, würde sie wieder in den Einsatz gehen.

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Stand vom: 08.08.12 | Autor: 


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